Sonntag, 19. März 2017

Tipps für eine entspanntere Eingewöhnungszeit – Artikelreihe: Babyzeit und nun? Kindergarten, Selbstbetreuung und andere Lösungen

Fotografie: Ivanko Brnjakovic/ Fotolia




Kindergarten und Eingewöhnung  - ein Thema das alle Eltern sehr beschäftigt, sei es in Bezug auf Ablauf, individuelle Umsetzung (z.B. Stillen) oder auch die Frage, ob außerfamiliäre Betreuung überhaupt sein muss. 

Ich möchte euch in diesem Artikel ein paar einfache und praktisch umzusetzende Tipps für die Eingewöhnungszeit an die Hand geben und mit diesem Thema meine neue Artikelreihe: "Babyzeit und nun? Kindergarten, Selbstbetreuung und andere Lösungen" starten. Ich habe schon lange versprochen zur Eingewöhnung zu schreiben und beginne daher mit diesem Thema.

Im Vorfeld unseres eigenen Starts in die Welt des Kindergartens habe ich versucht Informationen zum Thema Eingewöhnung und insbesondere zur kindgerechten Eingewöhnung zu lesen. Dabei bin ich über einige wenige, aber gute Artikel gestoßen. Hier wird erklärt, wozu eine Eingewöhnung nötig ist und wie dies im besten Falle bedürfnisorientiert ablaufen kann. 

Zusammenfassend empfinde ich folgende Fakten als besonders wichtig:

- das Kind muss sich nicht an den Kindergarten gewöhnen, sondern muss eine Bindung zur/m Erzieher/in aufbauen

- dafür ist es wichtig, dass die Eltern eingewöhnt werden

- denn nur wenn die Eltern die Erzieher akzeptieren, ihnen vertrauen und eine Bindung zu ihnen aufbauen, werden das auch die Kinder tun

- Eingewöhnung kann individuell und an den Bedürfnissen des Kindes (ohne Weinen) ablaufen

Zum Lesen empfehle ich euch diese Artikel zur Eingewöhnung:


und für Eingewöhnung sowie weitere Fragestellungen zur Kindergartenthematik diesen, wie immer sehr ausführlichen J, vom gewünschtesten Wunschkind


Angenommen du bist als Mama oder Papa mit der Wahl des Kindergartens, mit deinem Bauchgefühl dazu, mit dem Vertrauen zu den ErzieherInnen, deiner Entscheidung für außerfamiliäre Betreuung zufrieden und du freust dich - neben der Traurigkeit darüber, dass diese innige einmalige Zeit mit deinem Kind zu Ende geht -auf Arbeit, Durchatmen oder einfach mal in Ruhe aufessen können, dann sind diese Tipps für dich gedacht. Wenn nicht, schau mal ganz unten.*


Tipp 1: Reden

Sowohl in der Phase vor dem Start des Kindergartens als auch während der Eingewöhnung habe ich gemerkt, wie wichtig tägliches Reden ist. Die Vorbereitung (also den Kindergarten besuchen, Feste mitfeiern, Erzieher kennen lernen, vorbeispazieren) erklärend zu begleiten sowie jeden einzelnen Tag der Eingewöhnung.

Für dein Kind ist Eingewöhnung wie für uns auf einem anderen Planeten gelandet zu sein: wir wissen nichts und brauchen Hilfe, das ist zum Einen spannend und zum Anderen sehr anstrengend – also bitte häppchenweise. Am Morgen des ersten Tages erklären wohin es geht, wie der Ablauf sein wird, wer und was dort alles ist und warum zum Beispiel das Kuscheltier oder Ersatzwindeln mitgenommen werden.

Nach der Zeit im Kindergarten ist es wichtig im Tagesverlauf ein- bis zweimal im Gespräch das Thema aufzugreifen, erneut zu erklären und auch darüber zu sprechen, was am nächsten Tag passieren wird. Ich habe bemerkt, wenn ich das einmal weggelassen bzw. vergessen habe, wie viel „schlechter“ oder eben unvorbereiteter der nächste Tag für das Herzmädchen war. Jedes Gespräch und jede Erklärung hat ihr sichtlich Halt und Orientierung in diesem neuen Abschnitt gegeben.


Tipp 2: Bücher

Passend zum Tipp 1, hier der Tipp, Bücher vorzulesen. Ich bin leider erst nach einer Woche, also schon während der Eingewöhnung auf die Idee gekommen, aber es ist so simpel. Wir lesen zu Hause sehr viel vor und gerade in dem jungen Alter begeistern sich Kinder meist für Bücher und für das Vorlesen durch die Eltern. Warum also nicht diese Möglichkeit nutzen?

Zwei Bücher haben uns sehr geholfen und besonders ab dem Lesen des ersten Buchs habe ich einen richtigen Sprung bei dem Herzmädchen in der Eingewöhnung bemerkt. Das Vorlesen half ihr zu verstehen sowie sich mit den Abläufen im Kindergarten also auch der Eingewöhnung vertraut zu machen.

Das erste Buch was wir gelesen haben, war Endlich im Kindergarten von Nina Dulleck und es zeigt Oles ersten Kindergartentag. Ole kommt mit seiner Mama und Baby-Schwester im Kindergarten an, er lernt seine Erzieherin, die Räume und auch schon einen ersten Freund kennen. Dann geht Mama kurz einkaufen, Ole spielt und wird dann traurig. Aber seine Erzieherin ist ganz für ihn da und am Fenster sehen sie Mama zurückkommen.

Ich finde es schön illustriert und sehr passend von den Zeichnungen, der Sprache und der Länge. Besonders in der Eingewöhnungszeit sollte ich es dem Herzmädchen teilweise bis zu 8mal hintereinander vorlesen.

Das zweite Buch ist, welches gut ankam, war: Der kleine weiße Fisch ist glücklich von Guido van Genechten. Es ist keine explizite Kindergartensituation, aber es zeigt wie der kleine Fisch von seiner Mama abgeholt wird und sich nach und nach von seinen Freunden verabschiedet und dann mit Mama nach Hause schwimmt. Und das war genau der Punkt, der für das Herzmädchen (und auch anderen kleinen Kinder) von großer Bedeutung im Lernprozess war: zu Erkennen, dass Mama verlässlich wiederkommt. Die Einfachheit des Buches hat mich überzeugt, auch dieses Buch wurde hier unzählige Male vorgelesen. 

Ich kann also nur empfehlen, ganz viel vorzulesen und zwar auch schon bevor die Eingewöhnung startet und anhand der Bücher zu erklären, was es bedeutet in den Kindergarten zu gehen.


Tipp 3: Kommunikation mit den Erziehern

Genauso wie mit dem Kind im Gespräch über die Eingewöhnung zu bleiben, ist es wichtig, dass auch mit den Erziehern zu tun. Damit ist es zum Einen möglich eine Einschätzung von deren Seite zu erfahren und persönliche Wünsche und Fragen einzubringen sowie  im Prozess der Eingewöhnung, also des Sich-Täglich-Sehens, herauszufinden, welche Prioritäten und Einstellungen die Erzieher haben, und abzugleichen, ob diese zur eigenen Familie passen.

Wichtig ist in der gesamten Kommunikation wertschätzend zu bleiben und ihnen zu danken, auch wenn mal nicht alles nach Plan lief. Jeder möchte in seiner Arbeit gesehen werden, auch wir Erwachsenen, ein positives Feedback schafft eine angenehme Atmosphäre und erzeugt zeitgleich eine Offenheit der anderen für die unsere Anliegen als Eltern und gegenüber unserem Kind.

Besonders am Anfang (aber auch später) würde ich es vermeiden, den Erziehern ihren Job zu erklären. Natürlich darf man Impulse einbringen oder Fragen stellen oder die eigene Herangehensweise erklären, sollte das aber auf Unverständnis oder unerwartete Haltungen stoßen, bringt es nichts, nun zu versuchen die Erzieher mit Buchempfehlungen und ausgedruckten Artikel umerziehen zu wollen. 

Ich finde an dieser Stelle gibt es zwei Möglichkeiten: entweder sich aktiv einbringen, mit allen im Gespräch bleiben, Elternarbeit machen, also in einen längeren Prozess gehen und bereit dazu zu sein, beim eigenen Kind ein paar Abstriche zu machen oder freundlich aber bestimmt zu erkennen, dass dies für die eigene Familie/ für das eigene Kind nicht der richtige Platz ist.

Warum ich das so denke? Weil es bewiesenermaßen so ist, dass man mit Umerziehung und Belehrung bei anderen Menschen eine Gegenwehr auslöst und der andere sich nur schwer bis gar nicht (einfach aus einem Schutzinstinkt heraus) dazu in der Lage ist, sich für den neuen Input zu öffnen, unabhängig davon, ob er ihn nun gut finden würde. Und letztlich bedeutet das in der Praxis, dass man höchstwahrscheinlich bei den Erziehern bald unter dem Label „schwierige Eltern“ läuft und kurze Zeit später unter „mit schwierigem Kind“. Vielleicht ist es als Mama oder Papa unwichtig, ob die Erzieher einen für schwierig halten, aber für das Kind sehe ich große Probleme darin. Nämlich das Problem so früh schon stigmatisiert und beurteilt zu werden und damit in einen typischen Kreislauf (Zuschreibung – Erfüllung der Zuschreibung) zu geraten.


Tipp 4: Geborgenheit schaffen

Dieser Punkt ist natürlich für die Eingewöhnung insgesamt wichtig und gleichzeitig ein Ziel. Denn das Kind soll von der Geborgenheit des Elternhauses und seiner Bindung dort, nun möglichst neue Bindungen aufbauen, also seinen Lebenskreis erweitern und sich auch dort geborgen fühlen (alles natürlich im Rahmen des machbaren und ja, die Studien zum Stresspegel bei Kindern in Kindergärten sind bekannt).

Eine wunderbare Möglichkeit Geborgenheit zu schaffen liegt unabhängig von dem Körperkontakt in Form von Tragen und Trösten durch die Erzieher im Benutzen eines Spiel-Tragetuchs. 

Das Herzmädchen fand es immer wunderbar ihren heißgeliebten Teddy oder auch andere Plüschtiere in einem Spielzeugtragetuch vor den Bauch gebunden mit sich herumzutragen. Im Laufe der Zeit habe ich bemerkt, wie sehr es ihr den Übergang von mir in die Kindergruppe erleichtert hat, wenn sie ihren Teddy eng an ihren Körper gebunden mit sich trug. Ich vermute, dass es bei ihr das Gefühl des Getragen-Seins ein Stück weit widerspiegelte und ihr so Sicherheit und Geborgenheit gab. Außerdem war der Teddy bei allem dabei und so war sie nicht „allein“. An Tagen, an denen der Abschied schwerer fiel, hat sie den Vorschlag den Teddy in die Trage zu nehmen oft dankend angenommen und ging dann fröhlich los in den Kindergartentag.


Tipp 5: Gleicher Ablauf

Routine ist sehr wichtig. Nicht nur generell lieben Kinder gleiche Abläufe und Wiederholungen, nein besonders in Zeiten in denen sich viel ändert oder in Bewegung ist, hilft es Ihnen sehr. 

Daher habe ich in der Eingewöhnungszeit sehr darauf geachtet unsere Morgenroutine recht penibel gleich zu halten, es sei denn das Herzmädchen wollte es anders. Wir haben immer den gleichen Weg mit dem Fahrrad genommen, sind immer in den gleichen Eingang zum Kindergarten rein, wir haben uns immer erst den Essensplan angeschaut, dann Schuhe ausgezogen, dann Karte abgeholt und nicht mal so und so.

Besonders im ersten Monat konnte ich gut beobachten, wie hilfreich ein fester Ablauf für das Herzmädchen war oder wie es ihr Gleichgewicht auch aus der Bahn bringen konnte.


Tipp 6: Entscheidungsfreiheit lassen

Die Entscheidung, ob das Kind einen Kindergarten besucht oder nicht, liegt in der Regel bei uns Eltern, so war es auch bei uns. 

Aus diesem Grund war es mir wichtig, ihr unabhängig davon so viel Entscheidungsfreiraum zurückzugeben wie möglich. Ich beobachtete sehr genau und versuchte ihre Zeichen wahrzunehmen oder mit ihr zu reden, wozu sie bereit war. Ich besprach einen individuellen Zeitplan mit den Erzieherinnen und ließ das Herzmädchen entscheiden.

Ein wichtiger Punkt bei ihr war der Mittagsschlaf. Schlaf war ihr sehr wichtig, nämlich insofern ihn von Mama und Stillen begleitet zu machen. Sie hatte damals noch nie bei jemand anderem liegend in den Schlaf gefunden oder woanders als zu Hause geschlafen. Daher überließ ich ihr die Entscheidung, ob und wann sie mitschlafen wolle. Nach zwei Monaten sagte sie klar und deutlich, dass sie am nächsten tag mitschlafen wolle und das tat sie auch: sie schlief, sie schlief schnell ein  und wachte fröhlich wieder auf. Sie war bereit dazu.

Bei welcher Entscheidung auch immer es euch möglich ist, aber jede Entscheidung, die ein Kind in seinem Tempo und aus sich heraus treffen kann, ist eine gelungene Entwicklung und stärkt sein Selbstbewusstsein.


Tipp 7: Loslassen

Loslassen lernen. Das schreibt sich leicht, ist aber super schwer. Ich denke jeder Mutter, die hier liest, wird mir zustimmen. Es ist schwer, schwerer, am schwersten, dieses kleine Wesen vertrauensvoll an andere für eine gewisse Zeit abzugeben. Doch es ist schaffbar, Schritt für Schritt.

Mir hat geholfen, die Eingewöhnungszeit aufzuschreiben, all meine Gedanken und auch die Zweifel, die Schuldgefühle und die Gedanken eine schlechte Mutter zu sein. Aber ich habe auch gesehen, welche Entwicklung meine Tochter genommen hat und dass unser geknüpftes Band, unsere Bindung auch  nach 3 Stunden noch erhalten und eng war, dass es unserer Beziehung keinen Abbruch getan hatte. Mir half auch im Gebet ruhig zu werden und mit anderen zu reden und Rückhalt zu finden und es half mir eben auch, mal wieder für mich zu sein, zu arbeiten und mein Essen ganz für mich allein aufzuessen.


Was hat eurem Kind in der Eingewöhnung geholfen? Worüber macht ihr euch in Bezug auf die Eingewöhnung Gedanken? Schreibt hier, ich freue mich oder schreibt mich persönlich an.


Eure Anne


PS1: Wenn euch der Artikel gefallen hat, dann freue ich mich über eine Like oder Teilen.

PS2: Einige haben sicherlich meinen Artikel zu unserem Kindergartenabbruch gelesen. Ich wollte trotzdem meine gesammelte Erfahrungen für eine gelungene Eingewöhnung weitergeben und daran sind wir letztlich auch nicht gescheitert, sondern eben an der Entscheidung, ob der Kindergarten wirklich zu uns als Familie gepasst hat.

* Wer jetzt nicht Nicken kann oder sich wiederfindet, dem empfehle ich mich anzuschreiben, der Artikelreihe zu folgen oder selbst zu ergründen, welche eigentlichen Wünsche du für deine Familie hast – ich helfe dir gern dabei!


Donnerstag, 9. März 2017

Artgerecht in Dresden

Fotografie: Team Johannstadthalle

#artgerechtdresden

Es ist Mittwoch früher Abend und ich möchte zur Lesung von „artgerecht: Das andere Baby-Buch“ mit Nicola Schmidt fahren. Ich ziehe meine Jacke an und nehme meine Tasche. Doch vor der Tür steht das Herzmädchen und möchte unbedingt mit. Die Uhr tickt, es ist freie Platzwahl in der Johannstadthalle, ich muss also wirklich los. Alle spaßigen Verlockungen mit Papa helfen nicht, sie will mit.

Na dann also zu dritt, mit nur einer Eintrittskarte. Papa schmiert noch schnell Schnitten für unterwegs (die später gegen frische Brezeln nicht ankommen) und dann geht es ganz artgerecht los: Mama, Papa, Kleinkind. Für uns nicht ungewohnt, gesellschaftliche Standards zu ignorieren und dem Bedürfnis unseres Kindes zu folgen.

Als ich mit dem Herzmädchen in die Halle gehe, begegnet mir gleich ein weiteres Elternpaar mit Kleinkind und einem weiteren älteren Kind, welches schon über Papas Schulter gelehnt schläft. Ich freue mich und denke: „Wir sind also nicht die einzigen mit Kind.“  Während mein Mann noch das vergessene Tragetuch holen fährt, schauen wir uns schon mal um und suchen uns hinten am Rand einen Platz – „zum Rumrennen“, denke ich. 

In der Halle sind viele Stühle aufgebaut und schon zu zwei Dritteln besetzt, vorn ist eine kleine Bühne mit gemütlichen roten Sesseln. Hinten in der Halle ist viel Platz, es gibt einen Essensstand und auch drei Fachstände (Einfach Eltern Dresden, angekuschelt mit Trage- und Stoffwindelinfos und einem Bücherstand mit den Büchern von Nicola Schmidt). Es herrscht eine murmelnde, angenehme Atmosphäre und alle Stühle sind liebevoll mit Infomaterial rund um „artgerechtes“ Familienleben versehen.

Pünktlich geht es los: Nicola Schmidt, drei sympathische Organisatorinnen der Veranstaltung von Einfach Eltern Dresden und Josephine Schütze von angekuschelt betreten die Bühne und begrüßen die Gäste. Das Programm des Abends, mit Buchvorstellung und Fragerunde, wird vorgestellt und alle Kinder werden begrüßt und mir damit die letzte Sorge, dass diese hier jemand als unangebracht finden könnte, genommen. Nicola betont, dass Kinder willkommen sind und auch gern laut sein und rumrennen dürfen.

Nun beginnt die einstündige Lesung, die mehr ein unterhaltsamer, erfrischender, lustiger, aber zugleich informativer Auftritt wird. Die artgerecht-Fachfrau beginnt damit, den Zuschauern zu berichten, wie die Idee zu ihrem Buch entstanden ist. Sie schildert sehr plastisch und mitreißend, warum sie bis zum Schluss ihrer Schwangerschaft keine Babysachen gekauft hat und wie sie dann - bis zum Schluss durch die Auskunft der Krankenhaushebamme überzeugt von Übungswehen - ihr Kind gerade noch so in der Hebammenpraxis zur Welt gebracht hat.

Dieser spontane und etwas unvorbereitete Übergang in die Elternschaft ohne Unmengen an Windeln, Bodys, Bettchen und Schnullern hat ihr verdeutlicht, mit wie wenig Babys zufrieden sind. Ihrem Instinkt folgend, stillte und trug sie ihren kleinen Sohnemann nach Bedarf und konnte der etwas irritierten Umgebung nur die Zufriedenheit aller mit diesem Vorgehen entgegensetzen. So begann ihre Suche nach Fachwissen, Erkenntnissen und Vertretern, die diese bedürfnisorientierte Sicht teilen.

Diese fand sie vorwiegend in den USA und konnte sogar ihren Mann von einer Reise dorthin überzeugen. Denn sie wollte sich unbedingt persönlich davon überzeugen, dass das keine „Spinner“ sind mit denen sie ihre Meinung zum Umgang mit Kindern teilte. Also flogen sie über den großen Teich und begegneten vielen ganz vernünftigen und netten Menschen und so stellte sie sich immer öfter die Frage, warum darüber keiner schreibt, warum Eltern von all dem kaum etwas wissen. - Die Buchidee war geboren.

Während Nicola all dies erzählt, sitzt das Herzmädchen neben mir und macht sich wie Mama ebenfalls „Notizen zum Vortrag“ oder schaut sich die ausgelegten Infoflyer an. Einfach bei mir zu sein, scheint ihr zu reichen, auch wenn die Veranstaltung kein wirkliches Interesse bei ihr weckt.

Nicola stellt indes die verschiedenen Kapitel ihres Buches vor und legt dabei ihren Schwerpunkt auf das Thema Menschenbabys verstehen. Sie erklärt, dass unsere Kinder perfekte kleine Frühgeburten sind, aber laut Wissenschaftlern eigentlich noch zwischen 9 und 21 Monaten im Bauch der Mama bleiben müssten. Durch unsere Weiterentwicklung zum aufrecht gehenden Menschen, haben sich aber unsere Becken so verkleinert, dass Menschenbabys dann auf die Welt kommen, wenn sie gerade noch so durch die Beckenöffnung passen. Unsere Babys brauchen also besonders viel Zuwendung und Fürsorge, da sie allein nicht überlebensfähig wären. Und aus genau diesem Grund haben Babys auch Schreien als Überlebensstrategie entwickelt und nicht um ihr Umfeld von Anfang an auf ihre Bedürfnisse hin zu erziehen – sie wollen einfach nicht irgendwo im Busch vergessen werden!

Nicola Schmidt plädiert daher für Stillen, Tragen, Familienbett, natürliche Geburt und vor allem für (Fach-) Verständnis für Kinder. Das noch unausgereifte Nervensystem des Babys braucht viel Unterstützung und beispielsweise beim Ein- und Weiterschlafen die Co-Regulation durch uns Eltern (Schunkeln, Stillen, Da-sein, etc.).

Die Buchautorin ist sich bewusst, dass artgerechtes Aufwachsen relativ anstrengend sein kann und in den ersten zwei Jahren einen hohen Arbeitsaufwand bedeutet, aber zugleich so vieles vereinfacht (Muttermilch muss nicht erwärmt werden, im Tragetuch ist das Kind überall dabei). Sie weist aber auch darauf hin, dass „artgerechte Kinder“ zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr relativ pflegeleicht werden und der Arbeitsaufwand dann nach unten geht. Bei „herkömmlich“ umsorgten Kindern, steige dann oft der Aufwand, da eventuelle Bedürfnisse nun viel intensiver ausgedrückt werden oder auch Entwicklungsdefizite durch Ergotherapie behandelt werden müssen. Warum also nicht die Arbeit investieren, wenn Kinder ohnehin arbeitsintensiv sind und unser Hormonhaushalt noch absolut auf mütterliche und väterliche Fürsorge ausgerichtet ist?

Sie bestärkt die Eltern im Saal darin, auf ihren Instinkt zu hören, Kindern zu vertrauen und gelassen zu bleiben, denn alles ist eine Phase. Jedes ungewöhnliche und für uns Eltern herausfordernde Verhalten tritt in einer bestimmten Phase auf und geht im Normalfall von selbst wieder vorbei. Zudem bestärkt sie die Männer darin, ihre Frauen beim Stillen zu unterstützen. Wie das geht? In Studien hat man herausgefunden, dass Frauen länger stillen, wenn die Väter dies unterstützen und diese Entscheidung mittragen. Außerdem freuen sich stillende Frauen ganz besonders über Trinken, Essen und Zuwendung.

Der Vortragsteil endet, mein Mann ist mit dem Tragetuch da und so beginne ich während die Fragerunde startet, mit dem Herzmädchen hinten im Tragetuch ein paar Schritte hin- und herzulaufen. Das ist doch mal artgerechte Abendgestaltung ;)

Einige Mütter trauen sich und stellen Fragen zum Buch oder auch zu Situationen zu Hause und Nicola beantwortet sie sehr ausführlich und umsichtig. Bei jeder persönlichen Frage hinterfragt sie Alter, Entwicklungsstand, aktuelle Entwicklungssprünge, Situation der Eltern und gibt Hinweise dazu, dass Kinder viel ausprobieren möchten und letztlich unsere sozialen Regeln kennenlernen wollen. Bei der Beantwortung bringt sie auch immer wieder Beispiele aus dem Alltag der artgerecht-Camps (welche sie durchführt) mit ein und betont die Wichtigkeit, sich trotz modernen Stadtlebens einen Clan, Mütterkontakte, Unterstützung - ein Netzwerk aufzubauen. Denn artgerechte Kindererziehung sollte eigentlich nicht allein zu Hause stattfinden. Artgerecht wäre es, wenn Mütter und Kinder zusammen ihren Tag verbringen und so „Erziehung“ wirklich durch Vorleben des Erwachsenenlebens und unter den Kindern stattfinden würde.

Die Runde schließt mit einem großen Applaus und zufriedenen Gesichtern, von denen sich viele im Anschluss bei Nicola am Büchertisch wiederfinden.

Auch wir sind zufrieden mit dem Abend, der nun ein bisschen zum Familienausflug wurde. Besonders die entspannte und familiennahe  Atmosphäre, die von den Organisatoren und Nicola während der Lesung geschaffen wurde, wird mir in Erinnerung bleiben - und dass es sich immer wieder lohnt, die eigenen Pläne zugunsten von Kinderlachen über den Haufen zu werfen.

Ich wünsche euch alle noch eine schöne Woche und hoffe, dass meine eigene Leseneugier auf das artgerecht-Baby-Buch* auch auf euch übergesprungen ist!


Eure Anne

PS: Wenn euch mein Artikel gefallen hat, dann freue ich mich über Teilen udn Liken :) 

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Donnerstag, 2. März 2017

Sei Pippi . Nicht Annika . – Wie ich als Mutter zu Pippi wurde

Fotografie: unsplash/ pexels


Als wir letzte Woche für einen kleinen Familienurlaub in Wittenberg waren, ist mir in einem süßen kleinen Laden, auf einem Schild neben der Kasse, der Spruch „Sei Pippi. Nicht Annika.“ über den Weg gelaufen. Seitdem denke ich über diesen Spruch nach und was er mit mir zu tun hat. Meine Gedanken dazu habe ich mal für euch aufgeschrieben.

Mir ist bewusst geworden, dass ich innerlich schon als Kind Pippi war, aber äußerlich immer Annika. Innerlich habe ich anders gedacht als meine Familie, habe Umweltsünden, Krieg und die Erwachsenenwelt ständig hinterfragt. Als Resultats dass meine Meinung als Kind nichts wert war und dass ich schwer Freunde fand, hatte ich schnell gelernt freundlich, zuvorkommend und unkompliziert zu sein, und habe mich optisch und meinungsmäßig meinem Umfeld angepasst. Besonders in der Schulzeit habe ich mich für andere passend gemacht und versucht Freunden zu gefallen.

Im Studium war es dann etwas freier und ich machte erste große Schritte in der Abnabelung von Elternhaus und gesellschaftlichen Erwartungen. Dann kamen Arbeitswelt, Teams und Hierarchien, in denen ich gearbeitet habe. Dann kam die Arbeitswelt mit Teams und Hierarchien - der Kreislauf der Anpassung begann erneut, nur nicht anecken oder negativ auffallen. Ich war definitiv nicht ich selbst.

Meine inneren beruflichen Überzeugungen, Ansprüche und neuen Ideen, welche ich gern, über den Tellerrand des mir übertragenen Arbeitsbereiches, umsetzen wollte, wurden á la das-haben-wir-schon-immer-so-gemacht abgelehnt. Wieder wollte ich dazugehören, meine Rolle in der Gruppe finden und fing an einzelnen Kollegen nachzueifern. Mich wie sie zu kleiden, zu reden, so aufzutreten… Innerlich war mir bewusst, dass ich nicht mehr ich selbst war, aber irgendwie kam ich da auch nicht mehr heraus. Ich war davon überzeugt, dass ich mich ändern, mich rundschleifen musste. Ich wurde immer unauthentischer…

Dann wurde ich Mutter. Meine Schwangerschaft bescherte mir eine ziemlich heftige und lange Übelkeitsphase bis in den 5. Monat hinein und schlussendlich auch ein Beschäftigungsverbot, an welches sich meine Elternzeit nahtlos anschloss.

Ich bemerkte wie mein Körper aufatmete, die Anspannung des Angepasstseins und der ständige Druck verschwanden. Ich war wieder rundum glücklich mit meinem Leben und nahm wahr, wie ich mit der Zeit Stück für Stück wieder ich selber wurde und die erlernten unechten Verhaltensweisen ablegen konnte. Das empfand ich als ein Riesenglück und auch als  Riesenchance. Ich konnte mich selbst nochmal kennenlernen, mich definieren, sowohl privat als auch beruflich.

Bevor das Herzmädchen geboren wurde, wusste ich, dass ich mir wünschte nach der Elternzeit zu wissen, wohin ich beruflich ganz konkret gehen möchte und in welchem Feld der Sozialpädagogik ich in den nächsten zehn Jahren zu einer Expertin heranwachsen möchte. Dafür gab ich mir ganz konkret das erste Elternjahr frei: ich wollte nicht aktiv suchen, ich wollte mich finden lassen, Gott Raum geben für seine Pläne und auch schauen zu welcher Frau ich als Mutter werden würde.

So kam das Herzmädchen auf die Welt und ich hatte erst einmal alle Zeit der Welt mich auf das Abenteuer Kind – ganz frei von eigenen Erwartungen - einzulassen. Ich genoss es sehr, auch wenn das erste Jahr natürlich auch sehr viele Herausforderungen mit sich brachte. Ich las viel zu Babys, kindlicher Entwicklung, kindgerechter Ernährung, „Erziehungstipps“ und vielen vielen Themen rund um Familie und Pädagogik.

Meine Motivation, mein Wissensdurst (den ich durch viele Abweisungen von beruflichen Ideen verloren hatte) waren wieder geweckt und erstrahlten förmlich. Ich stillte und las, ich lag bei meinem Mädchen beim Mittagsschlaf und las. Im Nachhinein ist mir nun klar, dass ich auf diese Weise eine der genialsten Fortbildungen gemacht hatte: ich war bedürfnisorientiert immer für mein Mädchen da und lernte zeitgleich enorm viel. Mein Herz schlug immer mehr (wieder) für Familienthemen und ganz neu für gewaltfreie, bedürfnisorientierte Erziehung. Ich wusste, hier bin ich richtig. Ich brannte dafür, das war mein Herzensthema und auch irgendwie schon immer gewesen. Aus meiner eigenen Geschichte heraus sind mir das Wohl, das Glück und auch die (physische und psychische) Unversehrtheit von Kindern schon immer extrem wichtig. Nun hatte ich dafür einen Weg, eine Haltung, Vertreter und Worte für mein Gefühl gefunden - das war toll!

Mutter zu werden bereicherte mein Leben also nicht nur durch dieses kleine wundervolle Wesen, sondern gab zeitgleich meiner Berufung die richtige Richtung. Und, was für diesen Prozess vielleicht noch wichtiger war, es machte mich zu einer stärkeren Persönlichkeit nach außen hin. Bereits zum Ende des Wochenbetts war mir bewusst, dass es meine erste große Entwicklungsaufgabe als Mutter sein würde, vor Anderen für meine Überzeugungen und Bedürfnisse und die meines Kindes einstehen zu müssen.

Das machte mich sehr stark, und auch wenn ich bis heute noch täglich an diesem Ziel arbeite, ich bin viel besser und klarer darin geworden, zu sagen, was mir wichtig ist und warum und damit auch zu zeigen wer ich bin.

Wie Pippi mache auch ich mir nun meine Welt widewide wie sie mir gefällt :)

Geht nicht, kann ich nicht, schaff ich nicht, gibt es nicht mehr. Wenn ich etwas wirklich möchte, finde ich einen Weg (wie auch jetzt, mit kitafrei und zeitgleich meinem Projekt Selbstständigkeit). Wenn etwas nicht geht, ich etwas nicht kann oder schaffe, dann liegt es daran, dass andere Prioritäten (wie z.B. Familie) davor stehen, die ich selbst gewählt habe und zeitlich eben nicht alles umgesetzt werden kann, der Tag hat nur 24 Stunden. Inneres und Äußeres passen bei mir nun zusammen und das zeigt sich auch daran, dass ich nur noch Sachen trage, in denen ich mich wohl fühle und nicht um damit eine Rolle auszufüllen.

Wie Pippi zu sein, heißt für mich, als Mutter und als Frau glücklich zu sein und keine halbherzigen Kompromisse mehr einzugehen. Ich stehe hinter meinen Entscheidungen, kann sie erklären und bin innerlich zufrieden. Ich liebe es Mutter zu sein und ich liebe meinen Job, den ich nun, anders als früher, mit Energie und Motivation jeden Tag lebe.

Die Begegnung mit bedürfnisorientiertem, beziehungsorientiertem und gar unerzogenem Umgang mit Kindern, hat meiner Haltung eine Bezeichnung gegeben und mich extrem wachsen lassen. Ich bin inzwischen bedürfnisorientierter, beziehungsorientierter, unerzogener mit meinem Kind, mit mir selbst (!) und vor allem auch mit anderen Menschen. Ständig halte ich andere dazu an, darauf zu schauen, was sie wirklich wollen und diese Bedürfnisse auch zu äußern und nicht aus vermeintlichen äußeren Beweggründen heraus zu handeln.

Ich denke, Pippi wusste ganz genau: was sie möchte, was ihr gut tut, wer sie ist und so geht es mir inzwischen auch. Ich liebe es innerlich und äußerlich klar, leicht und fröhlich sein zu können. 


Geht es euch auch so? Wann seid ihr Pippi, wann Annika? Inwiefern hat Mutterschaft eure Persönlichkeit verändert?


Eure Anne

PS: Wenn euch mein Artikel gefallen hat, freue ich mich über Liken und Teilen :)