Freitag, 28. April 2017

Elternschaft nach dem Herzen Gottes - Fit fürs Leben (Rezension Teil III )

#bedürfnisorientiert #BeziehungstattErziehung #unerzogen
#Religion #Glaube #christlich

Fotografie: pixabay


Im dritten Teil der Reihe befasst sich Johannes Hartl erneut mit Elternschaft und der Umsetzung dieser nach dem Herzen Gottes. Für ihn machen drei Faktoren diese spezielle Elternschaft aus: Liebe, Respekt und Konsequenz. Und bei dem Wort Konsequenz beginnt für mich die kritische Betrachtung des dritten Vortrags, der anders als die ersten zwei - weniger empathisch und beziehungsorientiert - ist.

Fast zu beginnt weist Johannes Hartl darauf hin, dass er alle Ausführungen auf Kinder ab dem 3. Geburtstag bezieht. Auch hier finde ich leider wieder eine starke Unterscheidung zwischen bedürfnis- und beziehungsorientierten Umgang mit Babys und Kleinkindern (was natürlich schon überaus schön ist) und älteren Kindern, welchen dann mit Erziehung und Konsequenz (meist ein schöneres Wort für Strafe) begegnet wird.

Aus diesem Grund werde ich anders als in den anderen Rezensionen den Inhalt mehr kommentieren und ersichtlich machen, welche Ansätze ich im Sinne von positiven, gewaltfreien Eltern-Kind-Beziehungen für sinnvoll halte und welche nicht. Nichtsdestotrotz bin ich froh über diese Interviews und Johannes Hartl als anders denkender Christ zum Thema "Erziehung" gestolpert zu sein. Ich denke, wie er schon im ersten Interview sagt, er ist kein Fachmann, sondern einfach ein Vater, der den Alltag kennt und viel gelesen hat und das finde ich sehr anerkennenswert.

Wie fast immer beginnt der Pastor auch diesmal mit Gott und seiner "Sicht auf Erziehung". Hartl sieht in Gottes biblischem Handeln, dass Gott uns liebt und uns respektvoll begegnen möchte, er uns aber auch Grenzen und Konsequenzen entgegenbringt. Gott habe uns unsere Kinder anvertraut, damit sie leben lernen und anhand von Konflikten und Schwierigkeiten "fit fürs Leben" werden.

Hartl erklärt das am Beispiel von Adam und Eva: Auch wenn Eva und dann Adam ebenfalls versucht ihre Schuld weiterzugeben (an Adam oder die Schlange) möchte Gott diesen Konflikt besprechen und aufzeigen, wo für ihn Grenzen liegen und was sich daraus ergibt - Verweis aus dem Paradies. Dieses Beispiel zeigt aus Hartls Sicht, dass wir Menschen dazu tendieren, die Schuld und Verantwortung an andere abzugeben. Kinder sollten daher Verantwortung lernen, um später in Beziehungen Verantwortung für die eigenen Anteile des Konflikts und eigene Probleme übernehmen zu können.

Im Alltag mit Kindern beschreibt Hartl das so, dass Eltern oft die Verantwortung für Aufgaben, Probleme und Entwicklungen von Kindern übernehmen und es aus seiner Sicht besser wäre, die Kinder zu ermutigen, dass sie es selbst schaffen können und zu klären, wessen Problem es gerade ist, also in welchen Verantwortungsbereich es fällt.

Als Beispiel beschreibt er eine Situation, in der ein Kind seinen Schulranzen im Bus liegen lässt, nach Hause kommt und die Eltern dann schimpfen. In diesem Moment des Aufregens würden aus seiner Sicht Eltern die gesamte Verantwortung für die Situation auf sich nehmen, anstatt sie bei dem Kind zu belassen. Sinnvoller sieht er es, das Kind zur Lösung der Situation zu befähigen und mit dem Kind gemeinsam zu überlegen, wie der Ranzen zurückkommt und wie das Kind nun die Schularbeiten erledigen kann. Die Verantwortung bleibt beim Kind, es behält die Wahlfreiheit darüber, was es tun und ob es sich helfen lassen will und auch der Respekt bleibt ihm erhalten. Bewältigt das Kind die Situation, ist es gewachsen. Und als Eltern ist es letztlich entlastend in der Verantwortung nur bei den eigenen Gefühlen und Reaktionen zu bleiben.

Johannes Hartl meint, dass Eltern aufpassen müssten, dass die Verantwortung beim Kind bleibt, da Kinder immer versuchen würden, die Verantwortung abzugeben. Darauf sollte man achten und auch schauen, dass man mitfühlend ist, aber das Kind nicht vor allem beschützt. Denn Handlungen haben Konsequenzen.

Prinzipiell stimme ich Hartl zu, dass es wichtig ist zu schauen, dass man Kindern für Verantwortung stark macht und ihnen Entwicklungsmöglichkeiten nimmt, in dem man als Eltern alles übernimmt und sie somit handlungsunfähig für schwierige Situationen macht. Dennoch sehe ich die grundsätzliche Annahme, dass Kinder uns jede Verantwortung unterschieben wollen, als nicht richtig an. Denn Kinder haben ein inneres Streben  nach Entwicklung und Selbstständigkeit, auch in der Bewältigung von Konflikten und kniffligen Situationen. Gerade an diesem Punkt brauchen sie aber sehr wahrscheinlich unsere Unterstützung (die liebevoll, aber auch entwicklungsfördernd ist), um Bewältigungsstrategien zu erlernen und in neue Entwicklungsstufen hineinzuwachsen. Übrigens ist meiner Meinung nach ein besonders starkes Aufregen des Eltern bei bestimmten Situationen (wie Verlust des Schlüssels) keine Übernahme der Verantwortung, sondern oft auch eine erlernte Reaktion auf solche Situationen von den eigenen Eltern oder eben auch ein Triggerpunkt, der einen wach aufhorchen lassen sollte, warum genau diese Situation einen so heftig reagieren lässt.

An einem anderen Beispiel beschreibt der Pastor, was aus seiner Sicht bei unsozialem Verhalten von Kindern zu tun ist. Wenn Kinder schlagen, beleidigen oder andersweitig übergriffig werden, empfiehlt Hartl Kinder konsequent in die von ihm als "Denkecke" bezeichnete Stelle zum Nachdenken und Überlegen zu schicken und dem Kind zu vermitteln, dass es gerade gar nicht schön mit ihm war. Die Denkecke beschreibt er als wirksam, weil die Kinder nicht gern dort sind, es langweilig finden und erst raus dürfen, wenn sie über ihr Verhalten nachgedacht haben.

Auch wenn das Wort Denkecke vielleicht pädagogisch schön klingen mag, ist es leider nichts anderes als das Instrument "stille Treppe" oder "Time-out" und damit das breit diskutierte Isolieren von Kindern bei vermeintlichen Fehlverhalten. Davon halte ich und auch viele andere Fachleute, wie in diesem Artikeln zu lesen (http://www.happybabys-bindung.de/auszeiten/ und http://elternmorphose.de/wenn-du-das-tust-gehoerst-du-nicht-dazu-eine-botschaft-welche-an-grausamkeit-kaum-zu-ueberbieten-ist/), nichts.

Denn letztlich führt diese Art der Konsequenz, Strafe, Anweisung oder wie auch immer nur zur Ausgrenzung, Bewertung und Beschämung des Kindes. Das Kind verinnerlicht, dass sein Verhalten und es als Person nicht richtig ist und somit darüber nachdenken soll, bis es zu einem Schluss kommt, der den Eltern gefällt. Mit gleichwürdigem, verständnisvollem oder auf die Bedürfnisse des Kindes gerichtetem Umgang innerhalb der Familie hat das nichts zu tun.

Wie oben schon erwähnt ist dem Pastor das Vertrauen in die kindlichen Fähigkeiten sowie Mut, Tipps und Zutrauen zu vermitteln wichtig. In seinen Beispielen erklärt er, dass für ihn Vertrauen ins Kind bedeutet, Kindern auch konsequent zu zeigen, dass sie ihre Aufgaben ausführen können und sollen. So bekommt das Kind, welches trotz Absprache nicht den Tisch gedeckt hat, erst nach dem Decken des eigenen Geschirrs auch essen.

Dieses Beispiel zeigt für mich erneut die oben angesprochenen Kritikpunkte. Leider spricht Hartl im Vortrag immer wieder von Konsequenzen und angeblicher Wahlfreiheit der Kinder bei diesem Vorgehen an. Aber eben genau dies passiert nicht! Konsequenzen sind nicht beziehungsförderlich, sondern führen vielmehr zum Abbruch der Beziehung, wie er es im ersten Vortrag eigentlich folgerichtig erklärt hat und das gilt eben nicht nur für Kinder bis 3 Jahre. Kira Schlesinger von HappyBabys-Bindung.de erklärt das in einem Artikel auch nochmal ganz verständlich: http://www.happybabys-bindung.de/?s=konsequenzen. Kinder, die nach einem bestimmten Verhalten bestimmte Konsequenzen erfahren, erhalten aus ihren Augen (und aus meinen) eine Strafe und Kinder, welche wie von Hartl empfohlen nur zwischen zwei Möglichkeiten wählen dürfen, haben keine Wahlfreiheit. Für wirkliche Wahlfreiheit muss es mehr Möglichkeiten geben oder eben zumindest neue vorgeschlagen werden dürfen, wenn das Kind eine andere Idee hat. Das beinhaltet auch, dass sich das Kind überhaupt traut außerhalb des Rahmens dieser zwei angebotenen Alternativen (was ja per se nichts schlechtes ist) denken und darüber kommunizieren zu dürfen.
Wichtig für die Umsetzung der Konsequenz hält Hartl die Fähigkeit, dass Eltern fest stehen in sich und zu ihrem Wort und auch nicht nachgeben. Kinder spüren laut ihm, was man sagt und was man meint und wenn das nicht übereinstimme. Es sei wichtig, dass man als Eltern nicht sauer oder beleidigt wird, denn dann würde man Kindern die Macht geben. Viele Eltern können es auch nicht ertragen, dass Kinder auch mal traurig sind. Seiner Auffassung nach sollen Eltern beieinander Trost oder Anerkennung finden und nicht bei Kindern.

Ich denke, dass Eltern, auch im biblischen Sinne, ihre Kinder besser auf das Leben vorbereiten und sowieso auch eine bessere Beziehung und Atmosphäre innerhalb der Familie schaffen, wenn in der Familie Beziehungen auf Augenhöhe, mit Empathie und ohne Machtgefälle gelebt werden. Gerade Jesus als Symbol für den neuen Bund zwischen Mensch und Gott ist das Vorbild für Gleichwertigkeit, für Annahme, für Verständnis, für Verzeihen, für fehlende Macht und fehlende Verurteilung. Dementsprechend hat Jesus auch geholfen, verstanden, geredet und angepackt und nicht Konsequenzen verordnet. Spätestens ab dem neuen Bund/ neuen Testament ist Gott kein strafender, sondern er zeigt seine Liebe und dass er in Beziehung mit den Menschen sein will. Ein wunderbares Vorbild für uns als Eltern, die beziehungsorientierte Elternschaft im christlichen Kontext leben wollen.

Ein weiteres Thema, was Johannes Hartl wichtig ist, führt er relativ zum Schluss an: er empfindet die Gesellschaft in der Verwöhnungsfalle. Aus meiner Sicht sind wir das in Bezug auf übermäßigen Konsum, Verzehr und materiellem Beitz, aber bestimmt nicht an Liebe in der "Verwöhnungsfalle". Hartl meint, dass es besonders bei Einzelkindern gefährlich wäre keine Grenzen zu setzen und nur mit Lob auf die Kinder einzugehen. Gerade so würden viele Narzissten herangezogen. Menschen seien verwöhnt und würden gleichzeitig keine Verantwortung übernehmen wollen. Jeder Mensch sei verantwortlich für seine Taten und auch Gott nehme quer durch die Bibel hinweg Menschen und ihre Entscheidungen ernst. Er empfiehlt anderen Eltern sich nicht auf emotionale Manipulation einzulassen, selbst fest zu stehen und dem Kind klar zu kommunizieren, wer hier das Problem hat und dass das Kind es schafft zu bewältigen.

Auch ich finde es wichtig, Kindern Mut zuzusprechen und unser volles Vertrauen als Eltern zu zeigen, dass sie alles schaffen können, was sie erreichen wollen, dennoch sehe ich sowohl persönlich als auch wissenschaftlich keinen Beweis dafür, dass aus mit viel Liebe und Empathie (Verwöhnung) großgezogenen Kindern Narzissten werden. Viele Studien haben bislang gezeigt, was Empathie und Liebe alles bewirken und wie soziale Kompetenzen daraus erwachsen wird.

Hier ein paar Artikel zum Weiterlesen für dieses Thema:

Mit Emotionen umgehen - Warum Trost für unsere Kinder so wichtig ist

Wie entstehen Arschlochkinder und Tyrannen wirklich?

Forschung zeigt: Das macht Liebe mit dem Gehirn eines Kindes

Hört mit dem Erziehen auf! - 5 wissenschaftliche Beweise gegen Erziehung


Zusammenfassend zeigt der dritte Vortrag für mich wie schwer es vielen Eltern fällt, den bindungs- und beziehungsorientierte Start in der Baby- und vielleicht noch der Kleinkindzeit mit älteren Kindern fortzuführen. Denn genau an diesen Punkten zeigen sich hier Tipps und Ratschläge, die gut gemeint und eigentlich auf festen und liebevollen Idealen stehen, hinter denen aber dennoch Erziehung, Strafe, Zwang stehen.

An diesem Punkt sehe ich noch viel Handlungsbedarf und würde euch daher empfehlen, dieses Video der Vortragsreihe auszulassen oder aber als Anregung zu nutzen vielleicht unhinterfragte Erziehungsmethoden zu beleuchten und eigene Ansätze umzudenken.

Im letzten Teil geht es um Glaube mit Kindern im Alltag und wartet nächste Woche hier auf euch.

Eure Anne

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