Donnerstag, 9. März 2017

Artgerecht in Dresden

Fotografie: Team Johannstadthalle

#artgerechtdresden

Es ist Mittwoch früher Abend und ich möchte zur Lesung von „artgerecht: Das andere Baby-Buch“ mit Nicola Schmidt fahren. Ich ziehe meine Jacke an und nehme meine Tasche. Doch vor der Tür steht das Herzmädchen und möchte unbedingt mit. Die Uhr tickt, es ist freie Platzwahl in der Johannstadthalle, ich muss also wirklich los. Alle spaßigen Verlockungen mit Papa helfen nicht, sie will mit.

Na dann also zu dritt, mit nur einer Eintrittskarte. Papa schmiert noch schnell Schnitten für unterwegs (die später gegen frische Brezeln nicht ankommen) und dann geht es ganz artgerecht los: Mama, Papa, Kleinkind. Für uns nicht ungewohnt, gesellschaftliche Standards zu ignorieren und dem Bedürfnis unseres Kindes zu folgen.

Als ich mit dem Herzmädchen in die Halle gehe, begegnet mir gleich ein weiteres Elternpaar mit Kleinkind und einem weiteren älteren Kind, welches schon über Papas Schulter gelehnt schläft. Ich freue mich und denke: „Wir sind also nicht die einzigen mit Kind.“  Während mein Mann noch das vergessene Tragetuch holen fährt, schauen wir uns schon mal um und suchen uns hinten am Rand einen Platz – „zum Rumrennen“, denke ich. 

In der Halle sind viele Stühle aufgebaut und schon zu zwei Dritteln besetzt, vorn ist eine kleine Bühne mit gemütlichen roten Sesseln. Hinten in der Halle ist viel Platz, es gibt einen Essensstand und auch drei Fachstände (Einfach Eltern Dresden, angekuschelt mit Trage- und Stoffwindelinfos und einem Bücherstand mit den Büchern von Nicola Schmidt). Es herrscht eine murmelnde, angenehme Atmosphäre und alle Stühle sind liebevoll mit Infomaterial rund um „artgerechtes“ Familienleben versehen.

Pünktlich geht es los: Nicola Schmidt, drei sympathische Organisatorinnen der Veranstaltung von Einfach Eltern Dresden und Josephine Schütze von angekuschelt betreten die Bühne und begrüßen die Gäste. Das Programm des Abends, mit Buchvorstellung und Fragerunde, wird vorgestellt und alle Kinder werden begrüßt und mir damit die letzte Sorge, dass diese hier jemand als unangebracht finden könnte, genommen. Nicola betont, dass Kinder willkommen sind und auch gern laut sein und rumrennen dürfen.

Nun beginnt die einstündige Lesung, die mehr ein unterhaltsamer, erfrischender, lustiger, aber zugleich informativer Auftritt wird. Die artgerecht-Fachfrau beginnt damit, den Zuschauern zu berichten, wie die Idee zu ihrem Buch entstanden ist. Sie schildert sehr plastisch und mitreißend, warum sie bis zum Schluss ihrer Schwangerschaft keine Babysachen gekauft hat und wie sie dann - bis zum Schluss durch die Auskunft der Krankenhaushebamme überzeugt von Übungswehen - ihr Kind gerade noch so in der Hebammenpraxis zur Welt gebracht hat.

Dieser spontane und etwas unvorbereitete Übergang in die Elternschaft ohne Unmengen an Windeln, Bodys, Bettchen und Schnullern hat ihr verdeutlicht, mit wie wenig Babys zufrieden sind. Ihrem Instinkt folgend, stillte und trug sie ihren kleinen Sohnemann nach Bedarf und konnte der etwas irritierten Umgebung nur die Zufriedenheit aller mit diesem Vorgehen entgegensetzen. So begann ihre Suche nach Fachwissen, Erkenntnissen und Vertretern, die diese bedürfnisorientierte Sicht teilen.

Diese fand sie vorwiegend in den USA und konnte sogar ihren Mann von einer Reise dorthin überzeugen. Denn sie wollte sich unbedingt persönlich davon überzeugen, dass das keine „Spinner“ sind mit denen sie ihre Meinung zum Umgang mit Kindern teilte. Also flogen sie über den großen Teich und begegneten vielen ganz vernünftigen und netten Menschen und so stellte sie sich immer öfter die Frage, warum darüber keiner schreibt, warum Eltern von all dem kaum etwas wissen. - Die Buchidee war geboren.

Während Nicola all dies erzählt, sitzt das Herzmädchen neben mir und macht sich wie Mama ebenfalls „Notizen zum Vortrag“ oder schaut sich die ausgelegten Infoflyer an. Einfach bei mir zu sein, scheint ihr zu reichen, auch wenn die Veranstaltung kein wirkliches Interesse bei ihr weckt.

Nicola stellt indes die verschiedenen Kapitel ihres Buches vor und legt dabei ihren Schwerpunkt auf das Thema Menschenbabys verstehen. Sie erklärt, dass unsere Kinder perfekte kleine Frühgeburten sind, aber laut Wissenschaftlern eigentlich noch zwischen 9 und 21 Monaten im Bauch der Mama bleiben müssten. Durch unsere Weiterentwicklung zum aufrecht gehenden Menschen, haben sich aber unsere Becken so verkleinert, dass Menschenbabys dann auf die Welt kommen, wenn sie gerade noch so durch die Beckenöffnung passen. Unsere Babys brauchen also besonders viel Zuwendung und Fürsorge, da sie allein nicht überlebensfähig wären. Und aus genau diesem Grund haben Babys auch Schreien als Überlebensstrategie entwickelt und nicht um ihr Umfeld von Anfang an auf ihre Bedürfnisse hin zu erziehen – sie wollen einfach nicht irgendwo im Busch vergessen werden!

Nicola Schmidt plädiert daher für Stillen, Tragen, Familienbett, natürliche Geburt und vor allem für (Fach-) Verständnis für Kinder. Das noch unausgereifte Nervensystem des Babys braucht viel Unterstützung und beispielsweise beim Ein- und Weiterschlafen die Co-Regulation durch uns Eltern (Schunkeln, Stillen, Da-sein, etc.).

Die Buchautorin ist sich bewusst, dass artgerechtes Aufwachsen relativ anstrengend sein kann und in den ersten zwei Jahren einen hohen Arbeitsaufwand bedeutet, aber zugleich so vieles vereinfacht (Muttermilch muss nicht erwärmt werden, im Tragetuch ist das Kind überall dabei). Sie weist aber auch darauf hin, dass „artgerechte Kinder“ zwischen dem 2. und 3. Lebensjahr relativ pflegeleicht werden und der Arbeitsaufwand dann nach unten geht. Bei „herkömmlich“ umsorgten Kindern, steige dann oft der Aufwand, da eventuelle Bedürfnisse nun viel intensiver ausgedrückt werden oder auch Entwicklungsdefizite durch Ergotherapie behandelt werden müssen. Warum also nicht die Arbeit investieren, wenn Kinder ohnehin arbeitsintensiv sind und unser Hormonhaushalt noch absolut auf mütterliche und väterliche Fürsorge ausgerichtet ist?

Sie bestärkt die Eltern im Saal darin, auf ihren Instinkt zu hören, Kindern zu vertrauen und gelassen zu bleiben, denn alles ist eine Phase. Jedes ungewöhnliche und für uns Eltern herausfordernde Verhalten tritt in einer bestimmten Phase auf und geht im Normalfall von selbst wieder vorbei. Zudem bestärkt sie die Männer darin, ihre Frauen beim Stillen zu unterstützen. Wie das geht? In Studien hat man herausgefunden, dass Frauen länger stillen, wenn die Väter dies unterstützen und diese Entscheidung mittragen. Außerdem freuen sich stillende Frauen ganz besonders über Trinken, Essen und Zuwendung.

Der Vortragsteil endet, mein Mann ist mit dem Tragetuch da und so beginne ich während die Fragerunde startet, mit dem Herzmädchen hinten im Tragetuch ein paar Schritte hin- und herzulaufen. Das ist doch mal artgerechte Abendgestaltung ;)

Einige Mütter trauen sich und stellen Fragen zum Buch oder auch zu Situationen zu Hause und Nicola beantwortet sie sehr ausführlich und umsichtig. Bei jeder persönlichen Frage hinterfragt sie Alter, Entwicklungsstand, aktuelle Entwicklungssprünge, Situation der Eltern und gibt Hinweise dazu, dass Kinder viel ausprobieren möchten und letztlich unsere sozialen Regeln kennenlernen wollen. Bei der Beantwortung bringt sie auch immer wieder Beispiele aus dem Alltag der artgerecht-Camps (welche sie durchführt) mit ein und betont die Wichtigkeit, sich trotz modernen Stadtlebens einen Clan, Mütterkontakte, Unterstützung - ein Netzwerk aufzubauen. Denn artgerechte Kindererziehung sollte eigentlich nicht allein zu Hause stattfinden. Artgerecht wäre es, wenn Mütter und Kinder zusammen ihren Tag verbringen und so „Erziehung“ wirklich durch Vorleben des Erwachsenenlebens und unter den Kindern stattfinden würde.

Die Runde schließt mit einem großen Applaus und zufriedenen Gesichtern, von denen sich viele im Anschluss bei Nicola am Büchertisch wiederfinden.

Auch wir sind zufrieden mit dem Abend, der nun ein bisschen zum Familienausflug wurde. Besonders die entspannte und familiennahe  Atmosphäre, die von den Organisatoren und Nicola während der Lesung geschaffen wurde, wird mir in Erinnerung bleiben - und dass es sich immer wieder lohnt, die eigenen Pläne zugunsten von Kinderlachen über den Haufen zu werfen.

Ich wünsche euch alle noch eine schöne Woche und hoffe, dass meine eigene Leseneugier auf das artgerecht-Baby-Buch auch auf euch übergesprungen ist!


Eure Anne

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