Montag, 8. Mai 2017

3 Schritte, die mir in stressigen Momenten helfen bedürfnis- und beziehungsorientiert zu handeln



Ich finde es unheimlich spannend, wie alles miteinander verbunden ist und letztlich eine Artikelreihe entstanden ist: Selbstreflexion als Voraussetzung für beziehungsorientierten Umgang, Glaube als Unterstützer im beziehungsorientierten Alltag und nun soll es um Strategien gehen. Strategien, die uns als Eltern helfen in besonders emotionalen, aufreibenden, herausfordernden Momenten mit unseren Kindern gut zu handeln und einen „kühlen Kopf“ zu bewahren. Strategien, die ich ausprobiert habe und die mir helfen die Bedürfnisse meines Kindes hinter seinem Verhalten wahrzunehmen und auf Beziehungsebene darauf einzugehen.

Leserin Marie brachte mich mit ihrem Kommentar unter dem Artikel zur Selbstreflexion darauf das Thema auszuweiten. Sie schrieb: „Interessant (und auch oft der schwierigste Part) ist auch die Frage nach einer passenden Strategie in den Momenten, wo es brennt. Also wie komme ich überhaupt dahin einfühlsam auf mein Kind reagieren zu können? Was mir hilft: Durchatmen. Zur Not den Raum verlassen. Und wenn es nicht so gelaufen ist wie gewünscht: im Nachhinein reflektieren.“

Da gebe ich ihr völlig recht: es ist der schwierigste Part und diese Strategien bewusst zu sammeln, fand ich sehr spannend und eine gute Ergänzung zu den vorangegangenen Artikeln. Ich habe gemerkt, dass ich in 3 Schritten reagiere: Zurücktreten – Sortieren – Lösung finden. Und diese Schritte möchte ich euch nun vorstellen.

Schritt 1: Zurücktreten

Zurücktreten heißt für mich, innerlich und äußerlich - geistig und körperlich - einen Schritt aus der Situation herauszutreten um einen Moment der Besinnung zu erreichen. Denn nur dann habe ich die Möglichkeit Schritt 2 zu erreichen. Praktisch bedeutet das, dass ich versuche kurz zu „entspannen“ und mir Zeit zu geben. Ich persönlich nutze dafür gern Durchatmen/ Luftanhalten oder einen kurzen Moment mit Gott. Die Möglichkeiten sind endlos und es ist nur wichtig, dass ihr persönlich damit etwas anfangen könnt, einen Bezug dazu habt und es vor allem SCHNELL abrufen könnt. Daher ist Durchatmen und Luftanhalten für mich meist das erste; den automatischen Reflex der Atmung zu durchbrechen, hilft mir beim Innehalten sehr wirkungsvoll. Das darf auch ruhig 3-10 Sekunden dauern. Hier noch ein paar andere Beispiele: Durchatmen, Durchschnaufen, Zählen, Buchstabieren, zur Seite oder nach oben schauen, sich selbst einen bestimmten Satz oder ein Keyword (z.B. Ruhe) sagen, kurz die Hände falten, Augen schließen.

Schritt 2: Sortieren

Mit Sortieren meine ich, dass man durch das Zurücktreten nun die Möglichkeit hat den ersten Handlungsimpuls (meckern, Nein sagen, genervt sein etc.) loszulassen und sich zu fragen: Was ist jetzt wichtig? Was ist MIR jetzt wirklich wichtig? Handle ich aufgrund von gesellschaftlichen Konventionen und weil andere etwas von mir als Mutter erwarten? Handle ich aus Zeitnot? Was braucht mein Kind gerade? Was will es durch dieses Verhalten ausdrücken?

Zusätzlich hilft mir ein Perspektivwechsel sehr gut. Ich sage dann zu mir, dass ich auch mal ein Kind war, mit genau diesen Bedürfnissen, Nöten und diesem „nervigen“ Verhalten. Dann frage ich mich, was ich mir von meinen Bezugspersonen wünschen würde (häufigste Antwort: mich zu verstehen, mich ernst zu nehmen). Diese Sichtweise ist meist mein letztes Werkzeug um Abspaltung zu vermeiden. Denn durch die Identifikation mit dem Kind ist es nicht mehr möglich seine Gefühle und meine Empathie wegzuschieben. Ich kann mich wieder frei machen für die Wirklichkeit meines Kindes. So hilft mir Schritt 2 dabei, in Beziehung zu bleiben und den Weg für eine (spätere) Selbstreflexion zu ebnen.

Schritt 3: Lösungen finden

Nachdem der erste Impuls „verraucht“ ist und ich mich sortieren konnte, bin ich nun frei Lösungswege, Alternativen und Kompromisse für mich und das Herzmädchen zu finden. Je nach Situation sind diese sehr verschieden, denn an jedem Tag erleben wir als Eltern hunderte von einmaligen Momenten und darunter einige stressige Momente unterschiedlicher Ursachen mit unseren Kindern. Daher sind meine „Lösungsangebote“ längst nicht abschließend oder perfekt. Dennoch habe ich bemerkt, dass ich drei grundsätzliche Strategien habe, die ich je nach „Örtlichkeit“ unterschiedlich anwende und die mir enorm helfen unseren Alltag zu entspannen: Kommunizieren, Alternativen anbieten, Freiräume schaffen

Zu Hause tauchen klassischerweise eher Themen wie beispielsweise kaputt-machen, nicht-anziehen-wollen, weg-rennen, nicht-Zähne-putzen-wollen auf. Wie bei allen Situationen erkläre ich zuerst die Situation und auch warum das jetzt sinnvoll wäre. Wenn das Herzmädchen das nicht möchte, dann biete ich ihr Alternativen an oder lasse ihr ihren Freiraum. Das letztere fällt mir oft schwer, da ich ein sehr strukturierter Mensch bin (ich möchte gern zu einem bestimmten Zeitpunkt los, ich möchte gern Zähneputzen abhaken – aber das sind meine! Wünsche). Daher versuche ich diese Zeiträume für mich sinnvoll zu füllen und nicht herumzustehen, zu warten oder dauer-redend hinter ihr herzulaufen. Ich erledige etwas im Haushalt, mache etwas, was mir gut tut, lese, schaue Post durch. Eine gute Idee für diese Situationen wäre es eine Liste oder einen gut sichtbaren Stapel/ Ort zu Hause zu haben, wo solche zeitlich kurz zu schaffenden Dinge liegen – falls ihr auch so voller Tatendrang seid wie ich, ansonsten hinsetzen und chillen ;). Bei uns klappt es auch je nach Anliegen gut am Ort des Geschehens kurz zu warten: im Bad oder auch angezogen schon mal vor die Tür zu treten.

Unterwegs liegen die „Probleme“ meist ganz anders. Auf dem Spielplatz oder mit Freunden ist es vor allem das Thema Teilen, in dem Sinne, dass natürlich jedes Kind in exakt dieser Minute das eine Spielzeug haben muss. Da ist für mich Durchatmen und vermitteln, vermitteln, vermitteln gefordert - also in der Nähe bleiben. Aber sonst ist es auf Spielplätzen, in der Natur oder bei der Runde um den Block relativ entspannt bei uns.

Vorbereiteter begebe ich mich dafür in die „Welt der Erwachsenen“, da wo Geld den Besitzer wechselt oder wo andere Erwachsenendinge wie Ämtergänge o.ä. erledigt werden müssen. Die größten Stressmomente entstehen, wie ich finde, durch falsches Zeitmanagement, fehlende Ablenkung, fehlendes Essen und Trinken und gesellschaftlichen Druck. Ich beobachte, dass wir uns als Eltern meist zu viel vornehmen: flexibel bleiben und erst mal einen Punkt von der to-do-Liste abarbeiten! Konkret heißt Zeitmanagement für mich auch genügend Zeit für Hin- und Rückweg einplanen (interessante Wegentdeckungen oder auch einen Spielplatzabstecher zur geeigneten Zeit); eben den Blick für kindliche Freiräume behalten. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viel schaffbar ist, wenn ich sehe, wann eine Pause nötig ist und wie ich die auch in der kinderunfreundlichsten Umgebung einrichte. Zum Beispiel haben wir meist einen Miniball mit und dann spiele ich mit ihr eben Fußball während wir warten müssen (z.B. auf einem breiten Fußweg oder auch auf einem kleinem Stück Rasen neben dem Parkplatz; den Kindern ist das meist egal: Hauptsache Bewegung, Spaß und nicht mehr so langweiliger Erwachsenenkram). Dann geht es auch mit viel besserer Laune an die nächste Aufgabe. Bei genügend Zeit können Kinder auch super mit einkaufen, rumgucken, im Einkaufswagen ein Buch anschauen, ein kleines mitgebrachtes Spiel machen oder essen. Oft plane ich das mit dem Essen auch gerne taktisch ein: beim Autofahren, bei einem Gesprächstermin oder wenn ich mal schnell von A nach B muss im Buggy.

Am schwierigsten finde ich es aber mich von der Meinung anderer, ob etwas stört oder richtig ist, unabhängig zu machen: in der Straßenbahn auch mal lauter rumzualbern und aus Spaß ihre Kindermütze aufzusetzen, wohlwissend das uns alle zuschauen. Oder aber meine Auffassungen und Werte öffentlich umzusetzen und nicht dem äußeren Druck nachgebend sinnlos zu erziehen. Eben zur Not in einem Beratungsgespräch mein damals 1,5 Jähriges Kind vor Fremden zu stillen, die Sachen im Laden von ihr aus dem Regal ausräumen zu lassen (ich sortiere dann wieder ein) oder ihre Meinung trotz kritischer die-hat-dich-doch-im-Griff-Blicke ernst zu nehmen.

Voraussetzungen

Um überhaupt den Kopf frei zu haben für drei Schritte oder alternative Lösungen, braucht es für jeden ein paar Voraussetzungen, um sich dem überhaupt widmen zu können: Jeder in der Familie sollte (durchschnittlich gesehen) genügend Essen und Schlaf abbekommen. Denn sonst ist der Organismus im Stresszustand und sinnvolle bedachte Lösungen zu finden oder Zurückzutreten werden schwierig. Daher ist dieser Punkt ein erster, der bei Anhäufung stressiger Momente, Streit und Ausraster in der Familie überprüft werden sollte. Wenn es der Fall ist, dann stehen Essen und Schlafen an oberster Stelle!

Kommunikation: reden, reden, reden müssen wir mit unseren Kindern. Ihnen ist noch so vieles unbekannt und neu. Was für uns ganz normal und überschaubar wirkt, ist für sie oft wie für uns der Arbeitsbeginn in einem neuen Berufsfeld: es gibt viele unverständliche Abkürzungen und die Kollegen verschwinden in uns unbekannten Räume. Daher müssen wir unbedingt im Gespräch bleiben: erklären, was heute ansteht, wohin wir gehen, was wir dort wollen und wie wir gemeinsam daraus eine gute Zeit machen können.

Mein letzter Punkt ist Organisation. Ich finde Organisation ist oft alles, sowohl in Bezug auf Zeit, auf Abläufe, auf mitzunehmende Dinge als auch darauf das „Gesamtwerk“ im Auge zu behalten. Vorausschauende Planung und Flexibilität haben bei uns schon oft stressige Momente entspannt oder verhindert. Gerade in Bezug auf Anforderungen an Kinder, was sie alles mitmachen (sollen), ist es wichtig den Wochenverlauf im Blick zu haben. Neben all dem Freunde treffen, Freizeitaktivitäten, am Wochenende bei der Familie, Einkauf und Erledigungen ist es wichtig Ruhetage, auch mal eine Ruhewoche oder zumindest von Kind selbstbestimmte Freiräume einzuplanen, erst recht nach  erlebnisreichen und anstrengenden Stunden bei der Tagesmutter oder im Kindergarten.

Fazit

Zusammenfassend habe ich also in stressigen Momenten folgendes Schema im Kopf: Durchatmen– Nachdenken – Handeln. Das heißt konkret, dass die ersten zwei Schritte mehr Zeit kosten, als ich es vielleicht früher gewohnt war, denn ich reagiere nicht sofort. Das hat gleichzeitig den Vorteil, dass ich noch einen Moment länger beobachten kann und sich schon so manches Mal ein „Problem“ aufgelöst oder zumindest abschwächt hat. Zusätzlich habe ich Zeit zum Nachzudenken, zum Sortieren und Reflektieren. Dann weiß ich genau: So möchte ich jetzt handeln! Das möchte ich jetzt sagen! Lieber länger überlegt und abgewartet als etwas „rausgeplautzt“, dass sich dann als kontraproduktiv herausstellt.

Ich denke (aufgrund von Beobachtungen und Gesprächen), dass viele Eltern das Gefühl haben, sie müssen sofort reagieren und auch sofort genau richtig. Zurückrudern oder Kompromisse eingehen kommt aber wiederum dann für viele nicht in Frage. Konsequenz ist ein anderes Thema, dennoch landen wir auf diese Weise schnell in einer Spirale von Aktion und Reaktion (kindliche Aktion und Meckern, kindliche Aktion und Meckern usw.). Die angesehenen gesellschaftlichen Werte Effektivität und Effizienz können uns in der Interaktion mit unseren Kindern eher behindern. An dieser Stelle sind Geduld und Umsichtigkeit sinnvoller und tragen aus meiner Sicht am besten zu einem wertschätzenden und gleichwertigen Umgang in der Familie bei. Wir dürfen uns Zeit lassen. Wir müssen nicht sofort eine Antwort oder Meinung haben. Nicht in der ersten Sekunde. Nach 30 Sekunden oder gar einer Minute können wir ebenso gut auf die Situation eingehen (Notfallsituationen natürlich ausgeschlossen) und haben den Vorteil dann entspannter und zielsicherer zu handeln.

Was hilft euch im Alltag? Welche Strategien habt ihr entwickelt? Ich freue mich auf eure Ideen!

Eure Anne


PS: Wenn euch der Artikel gefallen hat, freue ich mich über ein Like :)

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